Die Freiheit des Unbeeindrucktseins.
Ein Tisch, ein Stuhl, eine Decke, eine Tasse Kaffee, ein gut belegtes Brot, eine Kerze, eine Aussicht. Kein Briefkasten, keine Termine, keine Menschen, kein Job, keinen Eindruck machen müssen, keine Erwartungen, kein Make-up und Klamotten, die alles erfüllen dürfen, außer gut auszusehen.
Ich sitze vor meinem Camper irgendwo im Nirgendwo. Ein paar Quadratmeter, meine dreckigen Füße im Gras und erstaunlich wenig zu tun.
Ein Gefühl, an das ich mich erst mal gewöhnen musste – auch wenn ich mich jahrelang nach genau dieser Freiheit gesehnt habe. Aber nur weil man sich Unabhängigkeit wünscht, erfüllt sich dieser Traum nicht automatisch mit dem Kauf eines Campers, einem Retreat im Kloster oder einem Selbstfindungsseminar. Der Schalter lässt sich leider nicht einfach umlegen.
Ich habe über Jahrzehnte weitestgehend im Außen gelebt und der Weg hierher war eher Steilküste statt Sandstrand.
Wenn du dich im klassischen Mittelstand eingerichtet hast, glaubst du erst mal, dass du es geschafft hast. Du kannst dir Dinge leisten, die andere nicht haben. Du kaufst, sammelst, vermehrst und gönnst dir. Und irgendwann stellst du fest, dass du dich hauptsächlich damit beschäftigst, das alles zu erhalten. Du brauchst für den ganzen Krempel Versicherungen, musst dich um Verträge kümmern, Dinge verwalten, reparieren, schützen und natürlich dafür sorgen, dass dein Besitz nicht weniger wird, sondern mehr.
Und je mehr du besitzt, desto mehr musst du dich kümmern. Das gilt für Immobilien genauso wie für deine Falten. Besitz macht Arbeit. Und zwar so viel, dass du kaum noch Zeit für dein wahres Ich und die wahre Welt hast. Man kann ein Leben besitzen, um das einen andere beneiden, und trotzdem ziemlich weit von sich selbst entfernt sein.
In diesem ganzen Außen suchen wir nach etwas, was wir dort meistens gar nicht finden: Sicherheit, Anerkennung, Liebe, Zugehörigkeit und dieses Gefühl, irgendwann endlich tatsächlich anzukommen. Und so kaufen wir immer weiter, leisten weiter, vergleichen uns, optimieren uns und dann alles wieder von vorne. Vielleicht wird es ja beim nächsten Haus, beim nächsten Urlaub, beim nächsten Job oder beim nächsten Partner endlich passieren – das Gefühl von Ankommen.
Dieses Außen hat eine sehr unangenehme Eigenschaft: Es ist nie fertig.
Wer bin ich eigentlich, wenn ich all die äußeren Dinge weglasse? Was macht mich aus, wenn niemand zuschaut? Und warum glauben wir eigentlich, dass ein erfolgreiches Leben automatisch ein erfülltes Leben sein muss?
Corona hat damals vielen Menschen die erste Tür geöffnet, durch die man vorher vermutlich nicht unbedingt freiwillig gegangen wäre. Plötzlich war vieles nicht mehr verfügbar, was vorher selbstverständlich war – in Form von Dingen und Gefühlen.
Während da draußen die Welt verrücktspielte, habe ich angefangen, mich mit anderen Dingen zu beschäftigen. Mit Ruhe. Mit Stille. Mit Einfachheit. Und mit der Frage, was ich eigentlich wirklich zum Leben brauche. Und warum wir Menschen eigentlich so viel Zeit damit verbringen, jemand sein zu wollen, statt einfach zu sein.
Wir wollen gesehen werden, anerkannt werden, dazugehören und gleichzeitig möglichst einzigartig sein. Wir kaufen Dinge, die uns besonders machen sollen, und wundern uns, dass wir uns am Ende alle ziemlich ähnlich sehen.
Vielleicht ist das die eigentliche Absurdität: Wir verbringen Jahre damit, ein Bild von uns aufzubauen, das anderen gefallen soll, und verlieren dabei den Kontakt zu dem Menschen, der wir tatsächlich sind.
Das Außen kann uns vieles geben: Komfort, Möglichkeiten, Sicherheit und natürlich auch Freude. Aber es kann uns nicht sagen, wer wir sind. Und es kann uns auch nicht das Gefühl geben, dass wir als Mensch wertvoll sind. Dafür müssen wir uns nicht erst eine neue Küche leisten, eine größere Terrasse bauen oder eine Tasche kaufen, für die man einen Kleinwagen bekommt.
Mein Weg dahin hat Jahre gedauert. Die materiellen Dinge loszulassen, fiel mir noch relativ leicht. Heute finde ich immer noch Sachen, die ich mal “für schlechte Zeiten“ gebunkert habe, und muss laut lachen.
Schwieriger war, was nicht in Schränken lag, sondern in mir: Verlustangst, alte Verletzungen, Wut, Enttäuschungen, Schuldgefühle, Groll, Neid, Eifersucht, Statusdenken, Kontrollbedürfnis, Abhängigkeiten, das Bedürfnis, es allen recht zu machen, die Angst vor Veränderung, Vergleiche mit anderen und die Vorstellung davon, wie mein Leben eigentlich auszusehen hat.
Wie findet man die Leichtigkeit des Lebens? Das lässt sich nicht in drei Sätzen sagen, und schon gar nicht mit dem Wort “Loslassen“. Das klingt immer so spirituell, als müsste man nur einmal tief durchatmen, ein paar Glaubenssätze verabschieden, und schon schwebt man erleuchtet und nach Räucherstäbchen riechend durch die Gegend. Bullshit.
Ich habe angefangen, Dinge anders zu betrachten. Nicht mehr alles haben zu wollen. Nicht mehr überall mitspielen zu müssen. Nicht mehr jeden äußeren Maßstab automatisch zu meinem eigenen zu machen. Das klingt jetzt nach einer geradlinigen Entwicklung. War es aber nicht. Alte Denkweisen verschwinden nicht einfach, nur weil man ein paar schlaue Bücher über Bewusstsein liest. Und man wird auch nicht automatisch frei, nur weil man weniger besitzt. Aber irgendwann verändert sich der Blick. Auf alles.
Und dann habe ich gemerkt: Loslassen hört nicht bei den eigenen Gedanken auf. Es geht auch darum, was ich täglich an mich heranlasse. Welche Nachrichten, welche Erwartungen, welche Ablenkungen und welche Menschen noch Platz in meinem Leben bekommen.
Nachrichten, die einem schon vor dem ersten Kaffee den Tag versauen – Krieg, Krisen, KI. Verpflichtungen, die wir längst nicht mehr hinterfragen. Social Media, Netflix, YouTube. Das Gefühl, überall mitreden und zu allem eine Meinung haben zu müssen. Und Menschen, die ständig schlechte Laune verbreiten und einem damit die Energie rauben. Dabei will ich niemanden verurteilen. Manchmal bin ich selbst dieser Mensch.
Ich weiß, dass es Luxus ist, sich ein Stück zurückziehen zu können. Wer Kinder hat, Angehörige pflegt oder jeden Euro umdrehen muss, hat dafür kaum Raum. Aber wir müssen nicht jede Schlagzeile ungefiltert durch uns hindurchlassen. Die Welt dreht sich auch weiter, wenn wir mal nicht zuhören. Manchmal reicht es auch, die Dosis zu verändern.
Und vielleicht lohnt sich auch die Frage, wie viel unserer Lebenszeit wir noch verkaufen wollen. Vielleicht ein bisschen weniger arbeiten, wo es möglich ist. Weniger konsumieren, weniger brauchen, weniger müssen. Nicht als Selbstzweck und nicht, um irgendeinem minimalistischen Ideal hinterherzulaufen, sondern damit wieder Platz für das eigene Ich entsteht.
Wir haben nur dieses eine Leben und verbringen erstaunlich viel davon damit, Dingen nachzulaufen, die uns gar nicht gehören: fremden Vorstellungen von Erfolg, fremden Maßstäben von Schönheit, fremden Definitionen von Glück. Wir haben Angst, etwas zu verpassen, und verpassen dabei nur uns selbst.
Mich beeindruckt heute nicht mehr, wenn jemand viel Geld, einen tollen Job, ein großes Haus oder 100.000 Follower hat. Das kann für diesen Menschen alles wunderbar sein. Aber es sagt nichts darüber aus, wie er lebt, wie er liebt, wie viel Frieden er in sich trägt oder ob er nachts zufrieden schläft.
Das heißt nicht, dass ich alles Teure schlecht finde. Ich mag schöne Dinge immer noch. Ich finde eine schicke Villa schön und eine schöne Handtasche toll. Ich muss nur nicht mehr unbedingt die Besitzerin sein. Ein sehr angenehmer Unterschied.
Vielleicht sollte man sich ab und zu fragen, ob man gerade wirklich lebt oder nur eine ziemlich aufwendige Version von sich selbst verwaltet.
Einfachheit ist nicht Verzicht. Einfachheit ist die ziemlich clevere Form von Reichtum. Für mich: die Freiheit des Unbeeindrucktseins.
Einfachheit fällt vielen schwer, weil man dann plötzlich mit sich selbst konfrontiert ist. Ohne Ablenkung, ohne Statussymbole, ohne den nächsten Kaufrausch und ohne die nächste Aufgabe. Wenn du dein Leben lang etwas erledigt, organisiert, erreicht hast, ist nichts zu tun ziemlich gewöhnungsbedürftig. Du putzt den Camper, bist nach fünf Minuten fertig und denkst: Und jetzt?
Mir ging es so. Manche bekommen in so einem Moment Beklemmungen und fühlen sich unnütz oder schuldig. Wir haben uns so an Beschäftigung gewöhnt, dass wir Ruhe mit Stillstand verwechseln. Und Stille kann ganz schön laut werden, wenn man sie nicht kennt, weil es nichts mehr gibt, hinter dem man sich verstecken kann. Wenn das Außen leiser wird, wird es innen lauter.
Aber wenn du einfach sitzen bleibst, verändert sich irgendwann etwas. Du isst in Ruhe. Du liest in Ruhe. Du sprichst mit Fremden, ohne auf die Uhr zu gucken und ohne zu bewerten, ob sie deiner Zeit würdig sind. Du schaust in die Ferne, atmest, denkst und bist ganz friedlich bei dir. Du merkst, dass du nirgendwo sein musst. Niemand wartet auf dich, niemand braucht gerade etwas von dir. Du musst nichts leisten, nichts beweisen, nichts optimieren. Und dann kommt dieses Gefühl von Frieden und Freiheit. Gigantisch.
Das Leben findet nicht irgendwann statt, wenn alles fertig ist. Nicht nach der nächsten Gehaltserhöhung, nicht nach dem nächsten Haus und auch nicht, wenn wir endlich so aussehen, wie wir es uns vorgestellt haben. Es findet jetzt statt – während wir Pläne machen, Dinge verwalten und überlegen, was die anderen wohl denken. Es gibt die unterschiedlichsten Arten zu leben, und jede hat ihre Berechtigung.
Heute weiß ich: Ich möchte nicht mehr möglichst viel aus meinem Leben machen. Ich möchte möglichst viel von meinem Leben mitbekommen.
Und was ist bei mir übrig geblieben, nachdem ich angefangen habe, all das loszulassen? Ziemlich viel Leben – und immer sehr dreckige Füße.




Ich liebe diesen Text. Du sprichst mir aus der Seele. Immer. Fast 💖
Wow. Guter Text. Geteilt.
Das Bild. Hahaaaaaaaaaaaaaa 🤣