Die höflichste Absage meines Lebens.
Aktualisiert: vor 11 Stunden
Möchten Sie wirklich keine weiteren Informationen mehr von uns erhalten? Nein. Sind Sie sich ganz sicher? Ja. Möchten Sie Ihre Entscheidung nicht noch einmal überdenken? Nein. Wir möchten Sie darauf hinweisen, dass Sie möglicherweise etwas verpassen. Ja, ist mir bewusst. Möchten Sie wirklich endgültig fortfahren? Ja Mann.
Kein Abo mehr für mich. Ich habe eine weitere Chemotherapie abgelehnt.
Was werde ich denn verpassen? Leere? Schmerzen? Tabletten? Übelkeit? Erschöpfung? Schlaflose Nächte? Krankenhausflure? Infusionen? Blutabnahmen? Knochenmarkpunktionen? Kontrolltermine? Nebenwirkungen? Kaputte Nerven? Einen Körper, der nicht mehr mitmacht? Ungewissheit? Warten auf Laborwerte? Warten auf Befunde? Warten auf Entscheidungen? Pflegegrad? Pflegeversicherung? Krankenkasse? Rentenversicherung? Arbeitsagentur? Reha? Rente? Gutachten? Widersprüche? Anträge? Formulare? Bescheinigungen? Zuständigkeiten? Nicht zuständig sein? Nicht erreichbar sein? Wieder von vorne anfangen? Um Hilfe bitten? Sich rechtfertigen müssen? Ständig seine Krankheit beweisen müssen? Abhängigkeit? Hilflosigkeit? Einschränkungen? Verzicht? Einsamkeit? Fremdbestimmung?
Oder ein Stück Leben?
Ich nehme das Stück Leben. Aber ohne den ganzen Krempel da oben. Wie groß dieses Stück Leben sein wird, weiß niemand. Und vielleicht ist genau das das Schöne daran. Alles ist möglich. Der Verstand sagt mir immer: bis morgen. Und mit diesem "bis morgen" lassen sich alle Entscheidungen wunderbar vertagen oder aber ganz einfach treffen – nämlich heute. Was wäre, wenn du wüsstest, dass du morgen stirbst? Du würdest dich nicht über schlechtes Wetter beschweren, auf Wartelisten setzen lassen, einen Thermomix auf Raten kaufen, dich über einen Kratzer am Auto aufregen, die guten Teller für einen besonderen Anlass im Schrank lassen, auf den richtigen Zeitpunkt warten oder dich mit Menschen umgeben, die dir nicht guttun.
Vielleicht ist das gar keine so üble Art, durch das Leben zu gehen. Ich empfinde es zumindest so. Alles ist einfacher – und Unbedeutendes bleibt unbedeutend. Man muss aber gar nicht denken, dass man morgen stirbt. Es reicht, endlich zu begreifen, dass man es ganz einfach nicht weiß.
Ich habe Nein gesagt. Nicht, weil ich trotzig bin, und nicht, weil ich nicht verstehe, was auf dem Spiel steht. Sondern weil ich verstanden habe, dass eine Chemo für mich keinen Sinn mehr macht. Und ich habe mich selten so klar gefühlt wie in dem Augenblick, in dem ich dieses "Nein" ausgesprochen habe. Dein Bauchgefühl weiß oft längst, was richtig für dich ist. Es ist nur leiser als die anderen Stimmen.
Und genau deshalb ist meine Absage keine Absage an das Leben. Sie ist eine Absage an einen Weg, den ich für mich nicht mehr gehen möchte. Mein Körper macht diese Nummer kein zweites Mal mit. Und ich möchte ihm das auch nicht mehr zumuten. Wenn ich mit dem Wissen von heute noch einmal vor dieser Entscheidung stünde, würde ich gar keine Chemotherapie machen. Ich habe erlebt, was sie mit meinem Körper gemacht hat. Sie hat nicht nur das bekämpft, was sie bekämpfen sollte. Sie hat sehr viele gesunde Teile meines Körpers getroffen und harte Spuren hinterlassen. Es fühlt sich an, als hätte ich meinen eigenen Körper vergiftet – was ich ja auch getan habe. Ich wäre einen anderen Weg gegangen. Aber damals war ich noch nicht so weit und ich habe das auch alles gar nicht wirklich verstanden. Ich habe die Krankheit als Symptom betrachtet, ohne die Ursachen zu sehen.
Das ist meine Erfahrung. Und das ist meine Entscheidung. Ich möchte damit niemandem von einer Chemotherapie abraten. Für manche Menschen ist sie der Weg, der ihnen das Leben rettet. Für andere ist sie vielleicht der Weg, den sie nicht mehr gehen möchten. Beides verdient Respekt. Eine Chemotherapie anzunehmen kann eine mutige Entscheidung sein. Sie abzulehnen auch.
Man soll kämpfen, durchhalten, stark sein, nicht aufgeben. Wer eine Behandlung ablehnt, gilt schnell als jemand, der aufgegeben hat. Ich sehe das anders. Aufgegeben habe ich nichts. Ich habe aufgehört zu kämpfen, ja. Aber nicht, weil ich schwach bin, sondern weil ich nicht mehr gegen meinen Körper kämpfen will.
"Muss man alles öffentlich machen?", habe ich letzte Woche in meiner Krebs-Bubble unter einem ähnlichen Beitrag gelesen. Ja Mann, du kannst doch einfach weiterscrollen, wenn es dich nicht juckt. Tschüss. Es erleichtert aber mein Leben, weil ich mich so besser erklären kann und keine Ausreden erfinden muss. "Mir geht es heute nicht gut. Punkt."
Eine andere Frau, die sich gegen die Chemo entschieden hat, tanzt in einem anderen Post auf Zypern im Sand, und mir geht das Herz auf. Jeder Mensch hat das Recht zu entscheiden, wie er mit seinem Leben umgeht.
Ich entscheide mich wie gesagt nicht gegen das Leben. Ich entscheide mich dafür, über mein Leben wieder selbst bestimmen zu dürfen. Ich möchte nicht mehr jede verbleibende Kraft in Behandlungen, Nebenwirkungen, Termine und die nächste medizinische Entscheidung stecken. Ich möchte nicht ständig funktionieren, kämpfen, durchhalten und mich wieder aufrappeln müssen. Ich möchte meine Zeit selbst einteilen. Ich möchte Dinge tun, auf die ich Lust habe. Ich möchte Nein sagen dürfen, ohne mich dafür erklären zu müssen.
Vielleicht ist das eine der wichtigsten Lektionen, die mir diese Krankheit erteilt hat: Wir behandeln unser Leben oft wie etwas, das wir irgendwann in Zukunft richtig anfangen wollen. Und während wir auf diesen Zeitpunkt warten, leben wir in einem permanenten Später. Wir nehmen uns selbst nicht ernst genug, übergehen unsere Grenzen, ignorieren die Signale unseres Körpers und machen weiter, obwohl wir längst keine Lust, keine Kraft und manchmal nicht einmal mehr einen guten Grund dafür haben.
Dabei ist unser Körper kein unerschöpflicher Dienstleister, der gefälligst zu funktionieren hat. Er ist unser Zuhause. Und man sollte ihn auch so behandeln. Mein Krebs war meine Notbremse. Ohne ihn wäre ich irgendwann einfach umgefallen. Ohne ihn hätte ich in den letzten zwei Jahren all die guten Dinge nicht gelernt und die wertvollen Menschen nicht kennengelernt. Man darf das aber natürlich auch sanfter verstehen und braucht dafür keinen Krebs.
So sehr andere Menschen dich lieben, unterstützen und für dich da sind: Auf dich selbst aufpassen kann dir niemand abnehmen. Niemand steckt in deinem Körper. Niemand spürt so genau wie du, wann dir etwas zu viel wird, wann du nur noch funktionierst und wann du längst über deine eigenen Grenzen gehst. Das musst du selbst merken. Und vielleicht sollten wir uns abends öfter mal fragen: Habe ich heute eigentlich gelebt? Oder habe ich wieder nur funktioniert, meine Pflichten erledigt und darauf gewartet, dass der Tag endlich vorbei ist?
Du brauchst keine Erlaubnis. Nicht vom Arzt, nicht vom Chef, nicht von der Familie. Du darfst Nein sagen. Du darfst Pause machen. Du darfst anders leben als alle anderen. Pass auf dich auf. Hör dir selbst ein bisschen besser zu. Nimm deine Grenzen ernst. Mach dich nicht verrückt. Und wenn du etwas ändern möchtest, dann warte nicht auf den perfekten Zeitpunkt. Den gibt es nämlich: Heute.




Endlich schreibt mal jemand wie es anders sein kann. Nämlich frei.
Habe den Post gerade in der letzen Krebs-Gruppe gesehen wo ich bin. Habe alle Gruppen verlassen, weil alle nur in ihrem Leid baden.
Sie haben recht. Jeder sollten sich selbst entscheiden dürfen. Aber das wird einem verdammt schwer gemacht. Alle Rennen der Schulmedizin hinterher und sagen zu allem ja und Amen. Aber so funktioniert die Gesellschaft halt. Alle hinter der Möhre her.
Ihr Beitrag ist daher sehr erfrischen. Thanks a lot. K.K.
Beitrag wurde mir gerade empfohlen. Er ist toll geschrieben und stimmt. Ich kämpfe schon lange mit meinen Gedanken. Es hat mir gut getan, das zu lesen. Liebe Grüße. Ute
Hab den Bericht gerade auf FB gefunden. Ich wünsche mir, dass ihn viele Menschen lesen. Es ist so wie Sie das beschreiben. Ich habe vor 10 Jahren das gleiche gemacht. Und noch etwas, Sie schreiben toll. Als würde man Ihnen gegenüber sitzen. Danke 🙏
Danke für diesen Artikel. Den brauchte ich gerade jetzt. Hab ihr Buch gerade bestellt, bin sehr gespannt. Liebe Grüße aus der Schweiz.
Mutig. Bringt mich zum nachdenken. Danke 🙏