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60.000 illegale Fans.

  • vor 2 Tagen
  • 6 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 11 Stunden


Mein Buch liegt frisch gedruckt auf meinem Schreibtisch. Ein ganz schöner Ritt, so ganz ohne Berater, Chefs und Produktioner – dafür aber sehr viel unaufgeregter und entspannter. Aber nur da rumliegen is´ auch nicht, schreit mich zumindest ständig diese KI an, die jetzt die Jobs von Beratern, Chefs und Produktionern übernommen hat. Facebook, Insta und TikTok – da soll ich hin und allen mein Buch um die Ohren digitalisieren. Ads, Reels, Snippets, Banner, Bumper, Storys, Newsletter, Content, Content, Content. Wie anstrengend, denke ich, ich kann diesen ganzen Scheiß nicht mehr hören. Bei TikTok lassen die mich nicht mehr rein, dafür bin ich echt zu alt – bei Insta hab ich mich vor Jahren selbst entlassen und Facebook haben fast alle anderen verlassen. Es bleibt also nur Insta und ich tippe meine Daten in das Anmeldefeld, während ich mich frage, wie ich 15 Jahre Insta aufholen soll. 0 Follower, 0 Bilder. Ach bitte nicht, denke ich gequält – muss ich das jetzt wirklich machen? Die KI nickt mit ihrem nicht vorhandenen Kopf. Mein kahl rasierter Kopf macht neugierig und ruckzuck sind sie wieder da – die gleichen Follower wie vor vielen Jahren. 6 Bilder und 375 Follower weiter fühle ich mich fast schon wieder dazugehörig. Immerhin ist das bei Insta leichter als bei Facebook und TikTok – Insta funktioniert ohne Inhalt. Ich klicke mich durch meine Follower und stalke deren Leben. Conny aus Wesseling präsentiert jeden Tag irgendwas aus dem Thermomix oder eine neue Klamotte auf oder von Ibiza – 60.500 Follower. Ich stelle mir 60.500 Menschen auf einem Haufen vor. Ich glaube, so viele Menschen passen in das Müngersdorfer Stadion. Also das ganze Müngersdorfer Stadion will sehen, wie Conny mit der extra angelernten Messertechnik von Frank Rosin einen Schichtsalat baut und dabei durch schlecht gebotoxte Lippen einen Hauch zu erotisch erklärt, wie man ein Ei mit Milch verquirlt? Ich glaube das nicht. Ich gucke auf meine 375 Freunde und denke, dass ich irgendwas falsch mache. Ey, ich habe ein Buch geschrieben und keine Möhren geraspelt. Insta scheint meine Verzweiflung zu verstehen und irgendein System schickt mir Mails, in denen mir angeboten wird, Follower zu kaufen. “Illegale Fans” summt Deichkind durch meinen Kopf. Ich klicke auf eine dieser Anzeigen und lande auf einer Seite, die wie eine gefakte PayPal-Seite aussieht. Hier geht es direkt ans Eingemachte. Was willste? 2.000 neue Follower? 5.000, 10.000 oder 30.000? PayPal oder Kreditkarte? Klicken Sie jetzt! Ne, denke ich, das kann ich nicht machen, das bin ich doch nicht. Aber die Verlockung ist zu groß und was sind schon 14,99 € für 2.000 neue Fans? Ach scheiße – ich hab drauf geklickt, aus Versehen – wirklich. Ich klicke mich zurück in mein Instaprofil und peng, ich habe plötzlich 2.375 Follower. 2.375 Menschen, die mich bewundern. Das sieht doch schon besser aus. Coole Bilder meines neuen Buches und die richtige Anzahl an Freunden – jetzt kann ich auf Kundenfang gehen und die ganze Snippet- und Ad-Nummer durchziehen. Yeah, so glaubt man mir, dass ich im Anfangsstadium einer erfolgreichen Schriftstellerin bin. Ich frage mich dann kurz, wer denn überhaupt meine ganzen neuen Freunde sind, und öffne meine proppevolle Freundesliste. Und dann sehe ich Inder – ich sehe sehr, sehr viele Inder – mein ganzer Freundeskreis besteht nur noch aus Indern. Vor lauter Schreck entfreunde ich mich sofort von den hässlichsten, mit einem kleinen schlechten Gewissen im Nacken, weil ich Menschen wegklicke wie Männer bei Tinder. Bis dann aber auch in einer meiner Gehirnwindungen ankommt, dass von denen keiner echt ist. Rajesh, Rahul, Priya, Vikram, Ritu und Lakshmi – wie werde ich die jetzt alle wieder los? Ich kann doch jetzt nicht 2.000 Inder löschen. Hört sich das jetzt an, als hätte ich was gegen Inder? Natürlich nicht – aber wie soll ich 2.000 Inder als Freunde rechtfertigen? Glaubt mir doch keiner, dass ich die letzten 15 Jahre nicht auf Insta war, weil ich stattdessen in Indien Freunde gesucht habe. Konnte man auf dieser Freunde-Kauf-Seite zwischen indischen, amerikanischen oder deutschen Freunden wählen? Und wer kostet was? Zu spät – ich hab die Inder jetzt an der Backe. Und dann fühlt sich die ganze Nummer auf einmal irgendwie eklig an. So als säßen plötzlich 2.000 fremde Inder in meinem Wohnzimmer. Ich klicke auf Heidi Klum, um zu gucken, wer so bei der rumsitzt. Und jetzt lerne ich das Insta-Prinzip – besser spät als nie. Wenn man, wie im Fall von Klum, Britney und all den anderen, ganz Indien gekauft hat, wird das von Insta nicht verraten. Man darf sich 20 Freunde von Heidi angucken, die restlichen 12,7 Millionen aber nicht. Rajesh, Rahul, Priya, Vikram, Ritu und Lakshmi hängen hier auf jeden Fall auch rum. Apropos Heidi, wo ich gerade durch ihr Inneres klicke – gibt es die nur zu dritt? Ist Bill der wahre Zwilling von Heidi? Und was spielt dann dieser Tom für eine Rolle? Warum sehen die zwei Zottel immer so ungepflegt aus – haben die keinen Friseur? Und was ist mit deren Klamotten – wer sucht die morgens raus – Heidi? Und dann stellt sich mir die weitaus wichtigere Frage: Interessiert mich das alles überhaupt? Ich entscheide mich für nein und fange Streit mit meiner KI an. Kein Schichtsalat und keine Zwillinge mehr für mich. Wehmütig gucke ich auf meinen Account, der jetzt gerade aussieht wie von einem Profi, und klicke auf: löschen – ja Mann, für immer. Die KI pennt in einem Tab dahinter und bekommt ein Glück nix mit. Kurz habe ich das Gefühl, als würde ich die Nabelschnur zur Welt kappen – aber echt nur ganz, ganz kurz. Nach einer Woche merke ich, dass ich die alle überhaupt nicht vermisse und ich wieder viel mehr Zeit für sinnvollere Dinge habe. Und noch viel besser, ich kann wieder eine App von meinem Handy schmeißen. Meine eigene Challenge: so wenig Apps wie nötig – Ziel ist ein freier Handyhintergrund. Telefon – Ende. Letztens sitze ich neben einer Freundin, gucke auf ihr Handy und werde kurz irre. Sie hat das ganze Display voller Apps – in Apps. Ich hab direkt ausprobiert, ob auch Apps in Apps in Apps funktioniert. Sie hat also das gesamte Müngersdorfer Stadion in ihrem Handy. Wär mir zu laut.

Verkaufe ich jetzt weniger Bücher? Ich glaube nicht, dass mich auf Insta schon mal irgendwas dazu verleitet hätte ein Buch zu kaufen. Ich frage mich, wozu Insta überhaupt da ist? Um in die Leben von anderen Menschen zu gucken? Macht das Sinn? Eine Welt, in der jeder versucht, schöner und besser als der andere zu sein oder halt mehr Geld für Fake-Freunde hat? Irgendwie versucht man sich diese Kanäle immer schönzureden: dass man so etwas von der Welt mitbekommt, schöne Dinge sieht, Neues sieht und auch Beschissenes sieht, damit es einem selbst besser geht. Wenn ich mich nach dreißig Minuten Scrollerei wirklich frage, was mir das gebracht hat, dann bleibt da selten etwas übrig. Insta ist eine reine Zeitfressmaschine. Über TikTok will ich nicht reden, da macht mich der Name schon verrückt. Am allerliebsten habe ich genau ”einen” Menschen vor mir sitzen. Einen – echt – einen einzigen. Dem kann ich in die Augen gucken – ich kann sehen, wie sich einzelne Muskeln in seinem Gesicht bewegen, ich nehme Gesten wahr, Mimik, Wärme, Wut, Liebe, Verzweiflung und Lachen. Ich kann mich voll und ganz auf diesen Menschen konzentrieren. Zuhören, antworten, fragen, mich korrigieren und einfach in diesem Moment sein. Klasse statt Masse. Wenn man mit zwei oder drei Menschen zusammensitzt, wird der Humor oft besser – auch gut. Aber ab vier Personen wird es schon unruhig. Und für noch mehr Menschen hat man Kneipen erfunden, wo es Alkohol gibt – damit man das besser aushält. Aber egal, jede Anzahl an Menschen ist sinnvoller, als auf ein Display zu glotzen. Haben wir alle verstanden – tun es trotzdem immer noch jeden Tag länger als nötig. Müssen wir halt noch lernen. In zehn Jahren lachen wir über Social Media, wird kaum noch einer machen – zumindest nicht in dieser Form wie jetzt. Mittelmaß ist auch hier das richtige Mittel. In Australien finden nicht nur schräge Dinge wie das Dschungelcamp statt – ahhh Hilfe, jetzt habe ich wieder diesen Ofarim im Kopf – visuell schlimm, sprachlich nicht auszuhalten. Mantra, Mantra, Mantra – weg ist er, puh – ein Glück. Kommen wir zu den guten Dingen in Australien – hier ist der ganze Social-Media-Kram unter 16 Jahren seit 2025 verboten. Ich bin eigentlich nicht für Verbote, ich finde Wissen und Bildung viel schlauer, aber es sitzen halt noch zu viele Menschen im Müngersdorfer Stadion. Scheiße, aus der Nummer komme ich jetzt nicht wieder raus. Diverse andere Länder werden nachziehen. Dachte ich bei Geschwindigkeitsbegrenzung und GEZ auch – es gibt leider Ausnahmen.

So viel zu den Dingen im Großen – im Kleinen ist das alles ein Glück viel einfacher – so wie immer mehr Menschen verstehen, dass sie ihren Darm hier und da reinigen müssen, verstehen auch immer mehr, dass sie ihren Kopf hier und da reinigen müssen. I like.





 
 
 

7 Kommentare

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Gerry
vor 6 Stunden

Auch top!!!

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Dom
vor einem Tag

3 mal gelesen und mich nicht mehr eingekriegt. Danke Ines 👊

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Phill Münder
vor einem Tag
Mit 5 von 5 Sternen bewertet.

Sehr gut geschrieben. Gut gelacht.

Thx

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Paris
vor einem Tag
Mit 5 von 5 Sternen bewertet.

Zu schön geschrieben ❣️

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Gast
vor einem Tag
Mit 5 von 5 Sternen bewertet.

So bist du und so ist es. Sehr schmackhafter Tiefgang 😄🤙

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