Road to Nowhere.
- 2. März
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Aktualisiert: 5. März
Ich sitze im Straßenverkehrsamt und starre an die Wand. Wo will man auch sonst hingucken? In all unseren Ämtern herrscht eine so beklemmende Stimmung, als hätte man etwas verbrochen – dabei will ich nur ein Auto anmelden. Eigentlich seltsam – „das Auto“, des Deutschen Liebstes und Wertvollstes. Wir stecken Unsummen an Kohle und Liebe in diese Dinger, und dann sitzt man plötzlich im Straßenverkehrsamt – end of story. Ab dieser Sekunde ist der ganze schöne Zauber eines neuen Autos wie weggeblasen.
Aber der Reihe nach, so wie es sich in Deutschland gehört. Erst mal braucht man ja einen Termin für dieses Straßenverkehrsamt. Und den bekommt man online. Puh, denke ich – Glück gehabt, das funktioniert ohne Menschen. Ich öffne die Seite dieser Veranstaltung und bekomme 36 Möglichkeiten, mein Auto anzumelden. Ja, 36, nicht mehr und nicht weniger. Mir wird durch sehr große Hinweise klargemacht, dass, wenn ich die falsche Möglichkeit auswähle, ich wieder nach Hause gehen kann und den ganzen Sums von vorne machen muss. Meinen die ernst. Steht da.
Ich lese mir die 36 Möglichkeiten dreimal durch – ich habe am Ende den Anfang vergessen und die Mitte nicht verstanden, obwohl ich Deutsch spreche. Ich frage die KI, die mir zwei Möglichkeiten rausfiltert, die für meinen Anmeldevorgang passen könnten. Selbst die KI scheint man verunsichern zu können. Made in Germany.
Ich merke, dass ich nicht ganz verblödet bin, und mache mir ganz einfach für beide Möglichkeiten Termine. Ich bekomme zwei – in vier Wochen. Meinen die auch ernst. Ich denke kurz nach: 2026, die Welt dreht sich schneller, als man „Papp“ sagen kann, und in Deutschland muss man vier Wochen auf einen Termin beim Straßenverkehrsamt warten. Yeah.
Natürlich ist dieses ganze „typisch-deutsch-Thema“ kein Thema mehr, weil viel zu ermüdend – aber dieser komplette Stillstand macht mich auch irgendwie nervös. Ich habe das Gefühl, dass die Digitalisierung die deutsche Bürokratie ganz einfach noch mehr verunsichert.
Beim Buchen meiner Termine merke ich dann, dass es total Latte ist, was man von diesen 36 Möglichkeiten anklickt – man bucht pro Klick ganz einfach ein Zeitfenster von 10 Minuten. In diesem Straßenverkehrsamt sitzen nämlich genau drei Typen, und die haben alle, alle 36 Möglichkeiten drauf. Trotzdem wollen die vorher gefälligst wissen, was du da willst, auch wenn alle Lösungen aus dem gleichen Drucker und aus dem gleichen Mitarbeiter kommen. Das ist so, das war so und das bleibt auch gefälligst so – scheiß auf Digitalisierung.
Als ich an meinem Termin vor dem Typen sitze, fragt der: „Womit kann ich Ihnen helfen?“ Ich bin kurz davor zu sagen, dass das in seinem Computer steht – aber ich habe Angst vor seiner Macht und sehe mich da ohne Nummernschilder rausgehen. Allein das alles runterzuschreiben macht mich ganz unruhig. Wie muss es sein, wenn man da jeden Tag arbeitet?
Ich klicke mich in die Terminvergabe zweier anderer Straßenverkehrsämter – einem in Holland und einem in Spanien. Name, E-Mail, Termin, fertig. Habe ich mir genau so gedacht. Bei uns nicht möglich. Die Frage nach dem Warum legt irgendwas in mir lahm. Vielleicht sollte ich im Straßenverkehrsamt anfangen.
8.30 Uhr. Mein Termin ist um 9.10 Uhr – vor lauter Panik bin ich viel zu früh – wie alle. Jetzt habe ich Zeit, darüber nachzudenken, ob die hier 9.10 Uhr wirklich ernst meinen. Natürlich nicht – das ist einfach ein weiterer Hebel, um den Wartenden klarzumachen, wer hier das Sagen hat. Alle, die hier sitzen, sehen nach Angst aus. Nach Verzweiflung. Und irgendwie hässlich. Hast du schon mal einen schönen Menschen in einem Straßenverkehrsamt gesehen? Wie sieht Bella Hadid in einem Straßenverkehrsamt aus? Ich glaube, alle Menschen, die hier reinkommen, werden beim Betreten in der Sekunde hässlich. Weil hier auch wirklich nichts schön ist, weder das Inventar noch die Stimmung.
Ein Mann mit Maske kommt rein – anscheinend war der schon öfter hier. Er öffnet die Tür mit dem Ellenbogen und tippt dann mit seinen Fingern auf dem digitalen Anmeldeterminal seine Daten ein. Vielleicht wird man beim Betreten auch dumm.
Anmeldeterminal hört sich jetzt futuristisch an. Da hängt ein Kasten an der Wand mit einem Display – das aussieht, als hätte es Doc Brown aus „Zurück in die Zukunft“ gebaut.
Ich starre weiter an die Wand und analysiere die Plakate, die hier hängen. Auf dem ersten macht man der Menschheit klar, wie viel man bei einem Passbild falsch machen kann. In Deutschland eine Menge – mich starren 30 Fotos an, die alle nicht korrekt sind.
Aber dann wird es ganz strange. Daneben hängt eine Wut-Kampagne – auf Englisch, Türkisch, Arabisch und Ukrainisch. Die Motive sagen mir, dass ich bitte die Mitarbeiter vom Straßenverkehrsamt nicht anschreien soll. Wenn hier Lachen nicht verboten wäre, wäre das ein gelungener Lachanfall geworden.
Dieses ganze Straßenverkehrsamt-System versucht einen zur kompletten Verzweiflung zu treiben. Und dann setzen die sich zusammen und machen eine Kampagne, die sie vor der Wut der User schützen soll. Come on – das ist echt kaum zu bezahlen. Wer bezahlt das eigentlich? Also diese Kampagne? Die Meetings? Diese stundenlangen Diskussionen, ob der Ukrainer auf dem Bild nicht zu russisch aussieht, ob der Engländer eine Krawatte tragen muss, ob die gezeigte Wut wütend genug ist und wer hat eigentlich den Diversen wegdiskutiert?
In Summe aber das Schönste an dieser Plakatwand in diesem deutschen Straßenverkehrsamt: Die 30 Passbild-Fehler werden nur auf Deutsch erklärt, motzen tun aber die Ausländer. Ach herrlich. Zu schön, wenn Profis am Werk sind.
Auf der Seite meiner Sparkasse habe ich eine tolle Funktion entdeckt: „Leichte Sprache.“ Klickt man da drauf, lesen sich die Texte der ganzen Sparkassen-Seite so, als wäre man nach der siebten Klasse von der Schule geflogen. Ey, „leichte Sprache“, liebes Straßenverkehrsamt, das ist eure Lösung. Es könnte alles so einfach sein – ist es aber nicht.




💖💖💖 Schön 💖💖💖
Perfekt beschrieben. Stillstand Deutschland.
Liebe Ines. Wie schön dich zu lesen. Wie schön dich zu kennen. Ich liebe deinen Humor. Alles Liebe für dich. Gut, dass du da bist. Gabi 🌸
Ich liebs. Und dich sowieso. Jecke
Sie schreiben so gut. Mega. Ich freue mich immer, wenn sie etwas Neues schreiben. Steve