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Wat is´ denn los mit dir?

  • 25. Feb.
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 4. März


Krankenhaus. Routineuntersuchung. Auch alles andere ist wie immer: zu früh, zu viele Autos, zu lange Winter, zu müde. Nicht nur ich – auch der Typ, der alleine und breitbeinig im Wartebereich schläft. Ob wir manchen Dingen einfach den falschen Namen geben? Zu viele Missverständnisse gerade auf dieser Welt. Ich frage mich, wo all die anderen Dutzend Menschen sind, die hier sonst immer rumwarten. Und dann nehme ich erst das ganze Bild wahr. Alle anderen sitzen zusammengepfercht im hinteren Teil der Wartehalle – irgendwie ist dieser Typ anscheinend allen zu unangenehm. Zu seinem seltsamen Anblick scheppert aus dem neben ihm liegenden Handy eine furchtbar theatralische Musik. Dazu schnarcht er – was nichts schlimmer macht, als es eh schon ist. Mir ist das auch alles zu wild, aber ich setze mich trotzdem in seine Nähe. Irgendjemand muss dieses surreale Bild jetzt sprengen. “Bild“, denke ich – krame mein Handy raus und fotografiere diesen Typen. Darf ich das? Den fotografieren, meine ich? Von wegen Persönlichkeitsrechten und so? Aber was ist in diesem Fall mit meinen Rechten? Der Typ tut so, als würden wir uns ein Schlafzimmer teilen. Hat der uns hier alle gefragt, ob wir das wollen? Passiert einem das eigentlich aus Versehen, dass man so schläft, oder ist das eine Lebenshaltung? Von Kollegah zu Kollege: Wat is' denn los mit dir?


Die Welt wird immer schneller, aber muss sie dadurch auch immer unsympathischer werden? Wenn man länger drüber nachdenkt, merkt man, dass das wahrscheinlich in der Sache liegt. Was ist mit diesen schönen alten Werten wie Respekt, Höflichkeit und Freundlichkeit? Haben einige dafür keine Zeit mehr? Oder bin ich ganz einfach zu alt für diese Welt? Bin ich nicht – denn ich zerknülle das Papier meiner Krankenunterlagen zu kleinen Kugeln und schnippe sie in seine Richtung. Ich treffe sein Ohrläppchen – aber der Typ ist resistent. Steht doch auch auf ihm drauf, denke ich. Einzelfall? Nee. Vorgestern spaziere ich mit meinem Hund durch unser Dorf. Vor mir drei Männer. Einer von denen bleibt stehen, macht seine Hose auf und pinkelt einfach drauflos, während er weiter mit seinen Kumpels redet. Worüber redet man, wenn man beim Spazierengehen einfach irgendwo hinpinkelt? Über die eigenen Kinder oder darüber, was in der Welt los ist? Mhm. Ich gehe an dem Pinkel-Trio vorbei – mitgehangen, mitgefangen – und sage zu dem Pinkler: “Ich möchte nicht, dass sie vor unsere Burgmauer pinkeln. Und ich möchte auch nicht ihren Penis sehen.“ Er guckt mich an, als hätte ich nicht alle Tassen im Schrank. Ich frage ihn, welchen Satz er nicht verstanden hat. Er ruckelt seinen Reißverschluss ein bisschen zu schnell hoch, und ich hoffe, dass ein Stück Ei dazwischen ist.


Ich beschreibe solche Situationen immer lustig – eigentlich sind sie es nicht. Sie sind so nur besser auszuhalten. Bitte, danke, guten Tag, auf Wiedersehen, keine nackten Körperteile hinhalten – sollte doch machbar sein, oder?


Das Internet versucht hier mit standardisierter Freundlichkeit entgegenzuwirken: “Lasst uns unsere neuen Mitglieder begrüßen.” Und dann folgt eine Liste mit diversen fremden Namen. Ich frage mich dann immer: Und jetzt? Ja, jetzt folgt die Krönung der Höflichkeit: “Danke für die Aufnahme.“ – das schreiben Menschen wirklich da drunter. Von so viel Höflichkeit wiederum bin ich dann überfordert. “Danke für die Aufnahme.“ – das hört sich so an, als hätte derjenige einen 12-seitigen Fragebogen ausfüllen müssen, um in diese Gruppe eintreten zu dürfen. Wenn man in der Lage ist, ein “Ja“ von einem “Nein“ zu unterscheiden und nicht hier schon beim Beantworten der meist debilen Fragen gegen die Gruppenregeln verstößt, kommt man in jede Gruppe rein. “Danke für die Aufnahme.“ – danke für nichts. Dankt dem Papst, Liferando oder wem auch immer, aber nicht dem Internet.


Berlin – für solche Dinge liebe ich Berlin. Eine U-Bahn-Station. Irgendwer hat in Kritzeltypo auf eine Tür geschrieben: “Internet, halt dein Maul. Für immer.“ Ich habe davor gestanden und mich kurz bekreuzigt. Sich vor seltsamen oder außergewöhnlichen Dingen zu bekreuzigen, ist manchmal noch lustiger als die zu bekreuzigende Sache an sich. Menschen können so schön doof gucken, das ist schön. Ich schreibe mich wieder in Grund und Boden. Worüber will ich eigentlich reden? Höflichkeit, Freundlichkeit, Ordnung und Respekt. Um all dem mal wieder etwas mehr Raum in sich zu geben, lohnt es sich, einen kompletten Filmabspann zu gucken. Gibt es das überhaupt noch? Egal, ich habe gestern einen Film geguckt, der war echt toll, und ich habe wie in Trance den ganzen Abspann gesehen. Eine wunderbare Übung für Achtsamkeit, Dankbarkeit, Reflexion, Achtung und Höflichkeit. Ob Abspann was mit Entspannen zu tun hat? Vielleicht hat der Typ einfach nur zu viele Filme geguckt.






 
 
 

7 Kommentare


Peter Prauner
02. März

❤️❤️❤️❤️❤️❤️❤️❤️❤️❤️❤️❤️❤️❤️❤️❤️❤️❤️❤️❤️ Beste.

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Britta Schöner
28. Feb.

Liebe Ines Maria. Ich habe gerade all deine neuen Blogs hintereinander gelesen. 60.000 sogar zwei mal. Sehr amüsant, alle. Ich freue mich auf mehr 🫶

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Michael
27. Feb.

Ich habe bei „60000 illegale Fans“ schon sehr gelacht. Hier noch mehr. Sehr gut geschrieben. Danke.

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Nele 💖
27. Feb.

Zu schön 💖

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Ute Lammers
26. Feb.

Auf den Punkt. Wird Zeit, dass einige was verstehen. Ich habe heute Angst alleine; was ich früher nie hatte. Sagt man was, gibt es Ärger. Sie schreiben das aber immer so nett, dass man nicht wirklich sauer wird.

Liebe Grüsse.

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