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Bis der Tod uns scheidet.

  • vor 9 Stunden
  • 8 Min. Lesezeit

Um Gottes Willen. Was ein schwerwiegender Satz. Einige Pfaffen wandeln hier mittlerweile ab und sagen: “Ein Leben lang”. Ey, das bedeutet das Gleiche. Hört sich aber für die zwei in schicken Klamotten, die sich so lange auf diesen einen Tag gefreut haben, wahrscheinlich nach mehr Spielraum an. Tod klingt irgendwie nach wirklich bis zum Ende.


Für immer und ewig zusammen. In guten und in bösen Tagen, in Gesundheit und Krankheit, in Reichtum und Armut. Klettverschluss. Asterix und Obelix, Aronal und Elmex, Pumuckl und Meister Eder, Fernbedienung und Sofaritze, Gin und Tonic und manchmal vielleicht ein bisschen Bonnie und Clyde. Zusammen. Für immer. Puh. Oder auch nicht puh, wenn man es richtig macht. Aber wer macht das schon?


In der Zeit, in der man sehr doll verliebt ist oder wahrhaftig liebt, sind die Gedanken daran, mit diesem einen Menschen durch dick und dünn zu gehen und das auch bis ans Ende aller Tage, oft sehr verträumt realistisch. Es endet in vielen Fällen aber eher in einem realistischen Albtraum.

Wenn man bei den meisten Ehen und Paaren mal kurz ein ganz kleines Stück die ordentliche Teppichkante anhebt, ist es darunter ganz schön krümelig, klebrig und es riecht auch ein bisschen. Lieber schnell wieder runter damit und gut festtreten.


“Huhu, können bitte alle Kinder jetzt mal in den Garten, es gibt Limo und Kuchen. Ich möchte kein Gemotze – es ist alles bio und selbstgemacht. Liebling, machst du bitte den Grill an, nimmst deine Mutter mit raus und vielleicht könntest du schon mal den Rasensprenger anmachen, dann vergessen wir das heute Abend nicht wieder. Ich hole eben Karl von der Logopädin ab, spring noch kurz bei Rossmann rein und dann kommen auch schon die Schröders. Denkt bitte dran, die bringen ihren komischen Hund mit.”

Ab hier bleibt nicht mehr viel übrig – vom Leben, vom Ich. Eigentlich von nichts. Vielleicht ein paar Krümel, die aber auch irgendwer unter den irgendwann fast festgewachsenen Teppich fegt. Und trotzdem arbeiten die meisten Menschen immer noch genau auf solch ein Leben hin.


Aber kurz von vorne. Als Erstes lernen wir ja auf dieser Erde unsere eigenen Eltern kennen. Uns wird also in unserer prägendsten Phase diese Zweierkonstellation – meist in Form von Ehe – in die Wiege gelegt und für gut verkauft. Und egal wie diese ersten Jahre mit unseren Eltern so laufen, bringt man uns bei, dass diese Nummer vollkommen top ist.

Die Ehe war früher früher erst mal eine ökonomische Absicherung, meist für die Frau. Der ganze Prozess war eher eine Arbeitspartnerschaft – der Mann ging arbeiten, die Frau blieb in der Küche. In dieser vom Staat und Religion definierten Zweiheit durften jetzt Kinder gezeugt werden und mit diesem gesamten Konstrukt war ganz einfach die Erbfolge schick geregelt. Rechte hat, wer verheiratet ist. Ich kenne immer noch Menschen, die sagen, dass sie geheiratet haben, weil damit alles viel einfacher ist. Während Paare so etwas sagen, grinsen sie sich dabei gerne etwas debil an, weil hinter diesem einen Satz so viel mehr Story steckt. Aber das will keiner hören.

Mit diesem ganzen Eheding hat man einfach vieles unter einen Hut gepackt und damit das große Sodom und Gomorra versucht in Grenzen zu halten, denke ich zumindest heute. Zur Belohnung sammelt man ab da Trophäen wie Silberhochzeit, Goldene Hochzeit und Platinhochzeit. “Silberhochzeit” ist übrigens ein großartiger Film mit Iris Berben. Man muss tief graben, um den noch in irgendeiner Mediathek zu finden, aber das Buddeln lohnt sich. Wenn man all das, was ich gerade beschrieben habe, in einem Film sehen möchte – mit großartigen Schauspielern – dann bitte diesen Film. Abzuraten für alle, die heiraten wollen.


Zweifelt man diese ganze Heiraterei an, wird man als komisch oder Verlierer auf dem Markt abgestempelt. “Mein Baby gehört zu mir.” – sagt er zu dem Vater der Frau, die nur eine Wassermelone getragen hat. Gänsehaut. Das will man doch auch.

Ich sehe eine pastellfarbige 5-stöckige Marzipan-Torte, ein Hauch von Brautkleid in rosé, ein lauer Sommertag, weiße Stuhlreihen, liebevoll gebundene Blümchen, nur schöne Menschen, Harfengeklimper, der Duft von teurem Essen, Gläserklimpern am Pool, fröhliches Menschengeblubber zwischen Vogelgesang und durch die Luft schwingende Schmetterlinge – dieses eine Heiraten halt.

Ich war noch nie auf einer Hochzeit, wo das alles so stattgefunden hat. Das ist in unserer Fantasie so, aber dann folgt doch die Realität: Wer sitzt neben wem? Geschenke oder Kohle? Buffet oder Drei-Gang? Brilli oder Flitterwochen? Nachbarn und oder Kita-Eltern? Vegan oder Arschlecken? Drinnen oder draußen? Pfaffe oder Pfaffin? Ringe oder Tattoo? DJ oder Atemlos? Oldtimer oder Uber?

Am Ende bedeutet das alles nur: Hochzeit planen und Beziehung testen. Oft einfach der Anfang vom Ende.


Leben besteht aus Lernen. Immer, tagtäglich. Lernen bedeutet Veränderung. Immer, tagtäglich. Menschen verändern sich also. Immer, tagtäglich. Wie soll ich heute entscheiden, mit einem Menschen für den Rest meines Lebens zusammen zu bleiben? Ich weiß doch gar nicht, ob wir immer in die gleiche Richtung gehen?


Moment mal, jetzt hackt es aber, will die uns jetzt Hochzeiten madig schreiben? Nur weil die keiner heiraten will? Nein. Es gibt bestimmt ganz wunderschöne Hochzeiten und ich kenne ein paar sehr seltene und gute Beziehungen, die schon seit Jahrzehnten bestehen und sich in eine wirkliche Einheit verbunden haben. Und mit Einheit meine ich kein Klettentum, sondern eine wahre Verbundenheit. Ich mag Zeremonien, ein Gelöbnis, einen Bund, Rituale oder was auch immer. Aber dieses klassische Heiraten? Ne. Wieso auch? Für einen Stempel von Staat oder Kirche, die mir sagen, dass das bis zum Ende alles gefälligst so zu bleiben hat? Ich glaube, dass mit diesem Heiraten etwas anfängt, was nicht richtig ist. Ich möchte keine Verträge, Regeln, Vorteile oder teure Scheidungen. Bei all diesen gerade aufgezählten Dingen spielen Dritte immer eine Rolle und die alle verdienen dreifach Geld daran. Wo ist da die Liebe? Ich glaube, dass richtige Liebe keine Verträge braucht und Scheidungen sein dürfen, am besten in Liebe.


Wie gut aber, dass man mittlerweile viele Wege gehen kann und darf. Das ist wie mit dem Glauben. Es gibt viele Richtungen, aber am Ende sollten sie alle in die Liebe führen. Und die Liebe ist das, worüber ich eigentlich schreiben wollte. Nach 50 Jahren auf dieser Erde habe ich endlich verstanden, dass Liebe das wertvollste und schönste ist, was es gibt. Und das in jeder Form. Warum gibt es für so viele Formen von Liebe eigentlich nur dieses eine Wort? Und warum benutzen wir dieses schöne Wort oft so inflationär wie Lappen, Lüftungsgitter oder Leberwurst?

Und warum tauchen ständig und überall immer die Wörter Narzisst und toxische Beziehung auf, wenn es eigentlich um Liebe geht?


Ich habe sehr lange über Liebe nachgedacht und für mich beschlossen, dass früher andere für mich entschieden haben, was Liebe ist. Die Liebe ist ja erst mal instinktiv in uns. Durch Vertrauen in unsere Eltern und so weiter. Und dann im Laufe der Zeit lernen wir die Liebe kennen und man bringt uns bei, dass Liebe nicht nur gute Seiten hat, sondern uns auch verletzlich macht. Und dann kommen solche Sachen wie Eifersucht, Verlustangst, Besitzdenken und Enttäuschung dazu. Ich würde mal behaupten, diese Eigenschaften sind eine Kombination aus angeborenem und angelerntem. Angeboren, weil der Faktor Angst uns vor etwas schützen möchte. Ich will das aber auch gar nicht zu sehr vertiefen, ich bin ja nicht Freud. Ich glaube aber, dass wir das Gefühl Liebe sehr gut alleine und selbstständig fühlen können. Aber wie man mit Liebe umgeht, das wird uns beigebracht – und das oft nicht richtig und seltsam.


Seit dem Krebs stelle ich mir tagtäglich die Frage neu, wie ich leben möchte – aber auch, wie ich lieben möchte. Möchte ich noch eifersüchtig sein? Oder möchte ich Angst haben, dass mich mein Partner verlässt? Beides nein. Aber ich möchte auch nicht mehr dagegen arbeiten, indem ich zum Beispiel meinem Partner Schranken einräume, damit ich nicht eifersüchtig sein muss. Oder immer toll, schön, schlau und lustig sein, damit er mich nicht verlässt. Ich möchte all das für niemanden auf der Welt mehr machen. Liebe ist - ohne diesen ganzen Zirkus.

Das einzige, an dem ich immer weiter arbeiten werde, ist an mir selbst. Ich habe eine ganz einfache Regel, die habe ich mir bei Trump abgeguckt. “America First.” Das ist ein sehr schlauer Gedanke. Ich zuerst. Das hört sich erst mal nach einer zu großen Portion Ego an, aber oft sind große Portionen Ego ganz gut. Denn wenn es mir gut geht, wenn ich fine mit mir bin, wenn ich glücklich bin, wenn ich ganz bei mir bin, wenn ich mich und mein Sein liebe – dann, ja dann erst kann ich all diese schönen Dinge weitergeben und mit jemandem teilen. Und nur dann bin ich in der Lage eine gute Beziehung zu führen. Egal ob zu einem Partner, Freunden oder Familie. Bedeutet: wenn ich mit jemandem zusammen bin und ich fühle mich, als wäre ich alleine, kann ich mein Leben wunderbar mit diesem Menschen teilen. Alter, das hätte Freud sagen können.

Knackpunkt an der Sache ist, ich muss all diese Dinge in mir selbst finden und leben, ich kann sie mir nicht bei jemandem leihen. Geliehene Sachen muss man nämlich zurückgeben. Und genau darauf bauen zu viele Beziehungen auf. Und damit ist das Scheitern vorprogrammiert.


Ich war letztens bei einem Pärchen zum Frühstück eingeladen. Wir haben lecker gegessen, hatten gute Gespräche, haben gelacht – ein schöner Vormittag. Irgendwann steht der Mann meiner Freundin auf, verschwindet und wir beide quatschen weiter. Ein paar Minuten länger als kurz auf dem Klo zu verschwinden, hören wir ein paar Zimmer weiter das Geräusch eines Akkuschraubers. Aber auch nur so laut, dass man einen Akkuschrauber erahnen konnte, also nicht wirklich störend. Meine Freundin verdreht die Augen, atmet genervt und motzt: “Warum muss der jetzt das Regal zusammenbauen? Das wollte er eigentlich am Wochenende machen.” Ich denke kurz nach und sage: “Weil das Freiheit ist.” Freiheit ist, wenn man das tut, was man möchte, ohne sich dabei unwohl zu fühlen.

Das ist jetzt wahrscheinlich ein etwas seltsames Beispiel, weil das vielleicht auch etwas mit Höflichkeit zu tun hat – ich glaube, man baut keine Regale zusammen, wenn man Besuch hat. Also zumindest bei konventionellen Menschen nicht. Es ist aber möglich. Man kann andere Menschen Regale zusammenbauen lassen, wenn ihnen danach ist. Ich muss die Situation dann einfach nur verlassen und mich auf mich selbst konzentrieren – ohne Wut auf den Menschen mit dem Akkuschrauber.

Ich habe diese kleine Geschichte als Beispiel für so viele Situationen gewählt, solche Situationen sind ja Klassiker. “Erwartungen” – dieses den anderen nicht sein lassen können – anstrengend. Und es ist sehr wertvoll, darüber etwas länger nachzudenken. Diese Erwartungen sind nämlich ständig und überall. An Partner, Freunde, Familie, Arbeitskollegen. Fuck Erwartungen. Es ist viel wunderbarer, wenn man die ablegt. Bei allen. Das Leben wird plötzlich nämlich sehr viel leichter und entspannter. Man ist nicht mehr ständig verletzt und am Ende konzentriert man sich dann mehr auf sich selbst. Und ich denke ja wie gesagt, dass das sehr gesund ist.


Ich glaube, dass die ganzen XYZ-Generationen das alles schon sehr viel besser und schlauer machen, als wir älteren. Eine freie Beziehung bedeutet, den anderen sein lassen zu können und ihn nicht ständig zu bombardieren mit: Wo bist du? Wann kommst du? Wieso? Warum? Wirklich? Natürlich gibt es die ein oder anderen Verpflichtungen in unserem Leben. Aber wir sind – zumindest in unserem Privatleben – Chef darüber, was wir zu einer Verpflichtung machen und was nicht.


Ich bin alt. Ein Glück. Ich hatte diverse Beziehungen und ich hab auch dieses Heiraten gemacht. Das war in meinem Fall nicht die Krönung der Liebe, sondern die Krönung von komplett falsch verstandener Liebe. Ein Desaster. Das war mit einer der gefährlichsten Fehler meines Lebens.


Der Druck ist raus und das ist göttlich. Ich muss gar nichts mehr. Es gibt sie immer noch, meist Frauen, die mich immer wieder fragen, ob ich “endlich” jemanden kennengelernt habe. Als gehöre das zwanghaft zu einem Leben dazu. Als wäre ich ohne Mann nur die Hälfte. Ist nicht so. Versprochen.

Diese Phase, sich selbst lieben zu lernen, seine Fehler zu verstehen, gerne Zeit mit sich alleine und sinnvoll zu verbringen, hat bei mir sehr viel Zeit in Anspruch genommen. Es nimmt immer noch sehr viel Zeit in Anspruch. Und ich weiß jetzt, dass ich mir diese Zeit auch weiterhin, egal wer um mich ist, einräumen muss. Ich bin offen für alles und jeden – aber nie mehr als Kompromiss, nie mehr unter Druck und nie mehr ohne wahre Verbundenheit.


Wenn man Kinder haben möchte, ist das alles natürlich etwas anders. Dazu braucht man diese Zweier-Nummer, und zwar Mann und Frau. Jaja, jetzt kreischen sie wieder, die Diversen, Lesben und Schwule. Dieser ganze diverse Zauber geht mir auf den Sack. Penis, Scheide, Eier – mir völlig egal was wo wie dran ist und wo hängt. Macht es, aber vielleicht etwas leiser. Dritte Toilette? Nix da – ich bin für ein Klo – und zwar ein Klo für alle. Am Ende sind wir sowieso alle eins. Und wenn man das verstanden hat, dann hat man Liebe verstanden.





 
 
 

3 Kommentare


Tom aus H
vor 6 Stunden

Es ist genau so liebe Ines.

Liebe Grüsse

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Sandy
vor 7 Stunden

Love, Love, Love 🦄

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Thea
vor 7 Stunden

Erst dachte ich, dass 8 Min Text zu lang für so viel Sonne draußen sind. Aber wie immer konnte ich nicht aufhören zu lesen. Ein toller Text! Thea

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