
Jerks, Bitches und Andere.
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Aktualisiert: vor 1 Tag
Freitagabend. Ich habe bei einem Abendessen mit Freunden zugesagt. Den Grund dieser Veranstaltung habe ich vergessen, den Abend aber nicht. Leider. Deshalb schreibe ich ihn jetzt auf, damit er endlich meinen Kopf verlässt.
Die Wahl des Restaurants für dieses Event fällt auf eine Bude, bei der man glaubt, allen Beteiligten gerecht zu werden. Es gibt was für Veganer, Matcha, Chai, Lillet, fancy Burger, Bowls, Schön-dass-du-da-bist-Schilder und Diverse. Ich habe mein Leben mittlerweile auf so vielen Ebenen reduziert, dass mich dieser ganze Hokuspokus immer ganz wired macht. Aber all das passt auch irgendwie zu dieser Geschichte.
Eigentlich esse ich kein Fleisch, aber der Rest der Speisekarte klingt mir zu albern. Ich bestelle ein ehrliches Wiener Schnitzel mit Pommes. Hier ist aber nix ehrlich, außer der Preis: 36 Euro. Das Fleisch ist aus Katze, Hamster oder aus dem 3-D-Drucker, aber nicht aus Kalb. Egal, ich diskutiere nicht, ich bin ja freiwillig hier.
Wenn schon, denn schon, denke ich und bestelle bei der Kellnerin "bitte viel Majo" zu den Pommes. "Majo" findet sie schon seltsam, "viel Majo" will sie nicht und guckt mich angewidert an. Ich lächle zurück. Lächeln ist die beste Waffe der Welt. Immer. Und überall.
Wie schon mal irgendwo geschrieben, verbringe ich meine Zeit am liebsten mit einem einzelnen Menschen. Also nicht immer dem gleichen, um Gottes Willen. Aber mit einem einzelnen Menschen ist ein Gespräch meistens viel gehaltvoller als im Rudel. Manchmal kommt man aber nicht drumrum. So wie heute: verschiedene Generationen, verschiedene Einstellungen, verschiedene Charaktere – dieses eine Abendessen.
Die erste Runde Bier und Wein lässt alle das anfängliche angespannte Gefühl runterschlucken, und es wird etwas angenehmer. Ich trinke keinen Alkohol mehr und habe das Pech, dass ich immer beobachten muss, wie sich Menschen langsam verändern. Äußerlich und inhaltlich. Na gut, ich habe meine Umwelt selbst so viele Jahre mit Alkohol intus belästigt, da muss ich jetzt durch. Ich versuche aber immer, meine Meinung über einen Menschen ab Glas drei nicht zu ändern.
Die Gespräche an diesem Abend sind so wie bei all diesen Abenden: Wem geht es wie, wer macht was, Urlaub, Beruf, Wetter – das Übliche halt. Irgendwie langweilig und auch irgendwie entspannt egal. Heute, nach diesem Abend, denke ich, dass es auch eigentlich besser so ist, also nur über Oberflächlichkeiten zu reden.
Ich weiß nicht mehr wieso, aber irgendwer kommt an diesem Abend auf Collien Ulmen-Fernandes zu sprechen. Wahrscheinlich, weil man zu diesem Zeitpunkt nicht drumrum kam, über sie zu sprechen. Es gab ja kaum ein Medium, aus dem einen nicht dieses verzweifelte Gesicht anstarrte. Schon bei dem Namen Fernandes stellen sich mir in der Sekunde die Nackenhaare auf, und ich weiß gar nicht so genau warum. Stimme, Augen, dieses affige Rumgehampel, ich fand die schon bei VIVA anstrengend. Das Quoten-Mädchen für alle Fälle, optisch auf jeden Fall. Aber das ist auch eigentlich völlig egal.
Ich muss aber den Aufstand meiner Nackenhaare bekämpfen und sage in die Runde, dass die Tante fake ist. Rums ... mit dieser Meinung stehe ich alleine da – und zwar ganz alleine. "Ahhh, ohhhh" – Collien Fernandes wird in diesem meinem Freundeskreis als Retterin der digitalen Gewalt gegen Frauen im Internet gesehen und heiliggesprochen. Ich schmecke etwas Galle und weiß nicht, ob das vom Fake-Wiener-Schnitzel oder von Fake-Fernandes kommt. Jetzt macht sich der Alkohol in mir bemerkbar, obwohl ich gar keinen getrunken habe. Aber dieses Thema kann ich so nicht an mir vorbeiziehen lassen. Ich polter los: Moment mal, Hunderte Frauen werden vergewaltigt, in echt und von mir aus auch digital. Juckt niemanden, aber bei der Trulla sind jetzt plötzlich alle aus dem Häuschen, kommen aus ihren Häuschen und demonstrieren wild durch die Gegend? Puh. Und komischerweise wird genau jetzt gerade parallel das Netz und die Politik laut und schreit nach Klarnamen und danach, das digitale Gefängnis noch mehr einzuschränken. Für mich schreit das alles eher nach sehr komischem Zufall, wie so vieles in den letzten Jahren. Es nervt mich immer mehr, dass Menschen erst anfangen zu denken und zu handeln, wenn irgendwelche K-Promis sich den Kajal aus dem Gesicht heulen. Es juckt niemanden, wenn Nele S. aus K. von fünf Typen nacheinander vergewaltigt wird und der letzte ihr ins Gesicht pinkelt. Wenn sie Glück hat, berichtet ein regionales Blättchen darüber. Aber jetzt hier, bei Fernandes flippen alle aus. Come on. Das ist mir zu strange. Und das sage ich.
Mittlerweile ist unser Tisch der lauteste – oder am Ende vielleicht nur ich. Aber ich stehe ja mit meiner Meinung auch ganz alleine da und baue mir eine Solobrandmauer. Mir egal. Der Krebs hat mir gezeigt, dass es am Ende gut ist, wenn man alleine sein kann.
Mich nervt dieses Thema Fernandes sehr, aber noch viel mehr nervt mich diese stoische Medienfolgsamkeit vieler Menschen. Wenn RTL sagt, die Fernandes ist 'ne arme Wurst, dann ist die Fernandes 'ne arme Wurst. Dabei hat die Wurst zwei Enden. Immer. Versprochen.
Und jetzt komme ich aber zu dem eigentlichen Punkt meines Blogs. Mir geht es nicht um Fernandes, die geht mir am Allerwertesten vorbei, es geht mir um Meinung. Die darf nämlich keiner mehr haben. Einer aus diesem Freundeskreis redet jetzt nicht mehr mit mir. Weil ich gesagt habe, die Fernandes sei 'ne Wurst. Man merkt immer mehr, dass Meinungen immer radikaler beurteilt werden. Nein, verurteilt werden. Oft habe ich das Gefühl, nicht mehr sagen zu dürfen, was ich denke, ohne dabei mein Inneres abzutasten, wer wie worauf reagieren könnte. Ich empfinde das als sehr gefährlich, weil das angstgesteuert ist. Und alles, was angstgesteuert ist, ist niemals gut. Früher konnte man zusammensitzen, der eine mochte Merkel, der andere Westerwelle oder Seehofer und der nächste den Papst. Aber es war möglich, beim nächsten Geburtstag wieder ganz normal zusammen zu sein – ohne Groll auf den anderen. Ich empfinde auf vielen Ebenen eine Spaltung. Es fühlt sich an, als gäbe es nur noch sehr harte Grenzen. Harte Grenzen? Darüber darf man auf gar keinen Fall reden.




Sehr schön 😃😃😃
Ähhhhh … dieses Bild und Colien passen extrem gut zusammen. Danke für diesen Txt. Schön wahr.
Können wir auch bald mal wieder zusammen essen gehen? Wir müssen auch nicht reden und lauschen den Anderen. Ich umarme dich. Thea 🦄
Guter Text, gutes Bild. Ich freue mich immer Texte von dir zu lesen.
Ich mag Misantropen 🤣 danke das ich meinen Wortschatz durch dich so bereichern konnte... 💃🙏😅 Und 10 Punkte für deinen überaus witzigen und doch so wahren Text. Auch wenn die Wahrheit kaum noch Anklang findet... wen juckt es🤷😅 Misantropen stehen chillig drüber...