Wir sprechen nicht mehr über die gleiche Wahrheit.
“Houston, we’ve had a problem”, knisterte 1970 die Stimme von Jack Swigert aus dem All in den Kontrollraum der NASA. Gänsehaut in den Wohnzimmern der Erde.
Jahrzehnte später haben wir ganz andere Probleme. Und andere Fragen: Waren diese Typen wirklich da oben? Lebt Hitler noch und zockt Mau-Mau mit Elvis? War 9/11 ein Inside Job? Will Putin uns grillen oder nur den Gasherd anlassen? Hat Michael Jackson doch die Wahrheit gesungen? Ist Joe Biden ein Roboter, die Queen eine Echse und die Erde flach? War Covid der größte Betriebsausflug der Pharma? Was ist wirklich hinter der Eiswand und wer lebt in der Erde? Will Bill Gates Kinder retten oder gar nicht erst auf die Welt kommen lassen? Kondensstreifen oder kollektive Vernebelung? Wie viele Menschen gibt es wirklich? Ist die Truman-Show gar kein Film? Wer ist der Boss der Rothschilds? Ist Michelle Obama ein Mann? Vergiften die unser Wasser oder schmeckt es nur scheiße? Ist Epstein die Spitze des Eisbergs oder nur die Ablenkung der Arktis? Verarbeitet McDonald’s echt Menschenfleisch oder wo kommen all die Rinder her? Ist unsere Geschichte das, was passiert ist, oder das, was übrig bleiben durfte? Wer hat die Pyramiden tatsächlich gebaut und warum kriegen wir heute nicht mal einen Flughafen hin? Und wo bei all diesem Chaos ist eigentlich Gott?
Was darf ich glauben und was nicht? Was darf ich aussprechen und was nicht? Und vor allen Dingen, was darf ich gut finden?
Ich habe in den vergangenen Wochen in meinem WhatsApp-Status ein paar Beiträge mit unterschiedlichen Themen von “Ben ungeskripted” geteilt und einige Rückmeldungen bekommen, als hätte ich Frau Kutter von der Panda-Apotheke aus Bielefeld verkloppt.
Wer Frau Kutter und ihre Panda-Apotheke nicht kennt – es lohnt sich sehr, da mal reinzuzappen. Hier wird vieles, was gerade auf dieser Erde passiert, in drei Minuten verdeutlicht.
Wenn man “Ben ungeskripted”, “Panda-Apotheke” und etwas Schlechtes gegen Frau Kutter in einem Absatz sagt, ist man übrigens rechts, ein Nazi und wählt die AfD.
Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich kein Nazi bin – auch wenn das anscheinend jetzt einige aus meiner Telefonliste glauben –, weil ich mich positiv zu “Ben-ungeskripted-Podcasts” committet habe.
Warum darf ich etwas nicht gut finden? Wo kommt die Härte dieser Urteile her? Warum ist aus einer anderen Meinung inzwischen ein Charakterfehler geworden?
Wir hören Menschen nicht mehr zu, um sie zu verstehen, sondern um herauszufinden, an welcher Stelle wir sie widerlegen können. Wir fragen einander nicht mehr, wie jemand zu seiner Überzeugung gekommen ist, sondern haben längst entschieden, was für ein Mensch er sein muss, wenn er irgendetwas vertritt.
Willkommen im Irrenhaus.
Heute reicht ein einziger Satz. Ein falsches Wort. Eine unpassende Quelle. Eine Meinung, die nicht in das Weltbild des Gegenübers passt. Und schon ist man rechts, links, naiv, verblendet, systemtreu, verschwurbelt oder gehirngewaschen. Die Etiketten kleben schneller, als man sie wieder abbekommt. Deckel drauf. Problem gelöst. Wir müssen uns dann nicht mehr mit ihm beschäftigen. Wir wissen ja jetzt, wer er ist. Wie bequem.
Ich glaube nicht, dass wir erst seit gestern unterschiedlicher Meinung sind. Menschen waren sich noch nie einig. Unterschiedliche Interessen, unterschiedliche Erfahrungen, unterschiedliche Erziehung, unterschiedliche Ängste. Das gehört zum Menschsein dazu.
Neu ist für mich etwas anderes: die Geschwindigkeit, mit der aus Unterschieden unüberbrückbare Gegensätze werden. Wir haben mehr Möglichkeiten zur Verständigung als jemals zuvor. Und trotzdem scheint Verständigung immer öfter das Letzte zu sein, was wir wollen.
Wir wollen Recht haben und bestätigt werden. Und wer nicht versteht, was wir längst verstanden haben, ist eben Teil des Problems. Das gilt nicht nur für Politik. Es geht um Ernährung, Gesundheit, Klimawandel, Religion, gesellschaftliche Entwicklungen, alternative Heilmethoden, künstliche Intelligenz und alles, worüber sich Menschen inzwischen mit erstaunlicher Leidenschaft zerlegen können. Wir streiten nicht mehr nur über Themen. Wir streiten darüber, wer überhaupt noch ein vernünftiger Mensch sein darf. Und irgendwo dazwischen geht etwas verloren, das wir dringend brauchen. Nämlich die Fähigkeit, jemanden nicht zu mögen, ohne ihn zum Feind erklären zu müssen.
Wer profitiert eigentlich davon? Ich frage mich, wem dieses permanente Gegeneinander eigentlich nützt. Ich denke, wenn sich Menschen untereinander bekämpfen, bleibt weniger Zeit und Energie, sich mit den Strukturen zu beschäftigen, in denen wir tatsächlich leben. Wenn wir uns gegenseitig für dumm halten, müssen wir uns nicht mehr gemeinsam mit den Problemen auseinandersetzen, die uns alle betreffen. Wenn wir unsere gesamte Aufmerksamkeit darauf richten, ob der Nachbar die richtige Meinung hat, schauen wir weniger genau hin, wer politische Entscheidungen trifft, wer wirtschaftlich davon profitiert und wer die Folgen tragen muss.
Genau das ist für mich die Erklärung von provozierter und gewollter Spaltung. Und was ist das Resultat von Spaltung? Zwei Parteien, die gegeneinander kämpfen? Also Krieg?
Es reicht, wenn Empörung Aufmerksamkeit erzeugt. Wenn Aufmerksamkeit Geld bringt. Wenn politische Akteure von klaren Feindbildern profitieren. Wenn Plattformen Inhalte belohnen, die uns aufregen, statt uns zum Nachdenken zu bringen. Und wenn wir selbst immer wieder auf genau das anspringen, was uns wütend macht. Das System muss nicht jeden einzelnen Konflikt erfinden. Es genügt, wenn es Mechanismen gibt, die Konflikte verstärken.
Und wir machen mit.
Wir teilen den nächsten Aufreger, schicken das nächste Video weiter, erklären dem nächsten Menschen, dass er endlich aufwachen soll. Wir halten uns für die Aufklärer, die anderen für die Schlafenden. Jeder glaubt, er würde die Menschen aus ihrer Manipulation befreien. Und währenddessen werden die Gräben tiefer. Vielleicht sollten wir uns gelegentlich fragen, ob wir gerade wirklich etwas aufklären. Oder ob wir lediglich unsere eigene Wut mit anderen teilen. Das ist ein Unterschied. Ich nehme mich da ausdrücklich nicht aus. Alles hat seine Berechtigung, weil wir auch Ventile brauchen, um weiter Luft zu bekommen.
Ich hinterfrage Dinge. Ich sehe Entwicklungen, die mich wütend machen. Auch ich habe Momente, in denen ich denke: Wie kann man das nicht sehen? Wie kann man angesichts dessen noch so tun, als wäre alles in Ordnung? Und ja, manchmal fällt es mir schwer, Menschen zuzuhören, wenn ich das Gefühl habe, dass sie sich mit bestimmten Themen überhaupt nicht auseinandersetzen wollen und wie ein Schaf der Tagesschau folgen und sich die nächste Impfung in die Venen pumpen lassen. Aber ich muss mir eine unbequeme Frage gefallen lassen: Was mache ich eigentlich mit dieser Erkenntnis? Wenn ich mich für aufgeklärt halte, aber nicht mehr mit Menschen sprechen kann, die anders denken, was habe ich dann gewonnen? Wenn ich anderen vorwerfe, sich manipulieren zu lassen, aber selbst nicht mehr bereit bin, meine eigenen Überzeugungen zu überprüfen, was unterscheidet mich dann noch von ihnen? Wenn ich Freiheit fordere, aber nur noch Menschen um mich haben möchte, die meine Sicht der Dinge bestätigen, wie frei bin ich dann eigentlich?
Ich kann nicht von anderen verlangen, dass sie selbstständig denken, und gleichzeitig erwarten, dass sie am Ende genau bei meinen Schlussfolgerungen ankommen. Das wäre keine Aufklärung. Das wäre nur eine andere Form von Gehorsam.
Ich darf eine Meinung haben. Ich darf sie vertreten. Ich darf sie ändern. Ich darf feststellen, dass ich mich geirrt habe. Und ich darf auch sagen, dass ich etwas nicht weiß. Vielleicht ist gerade das Letzte eine der schwierigsten Übungen überhaupt.
Ich muss nicht jeden Menschen mögen. Ich muss auch nicht mit jedem befreundet sein. Ich muss mir keine endlosen Diskussionen antun, die mich erschöpfen. Ich muss nicht jeden Kontakt aufrechterhalten, nur weil wir uns irgendwann einmal gut verstanden haben. Und ich muss auch nicht so tun, als wären mir alle Meinungen gleichgültig. Aber zwischen Abstand und Feindschaft liegt ein ziemlich großer Raum.
Ich kann jemanden nicht ausstehen und ihm trotzdem seine Würde lassen. Ich kann seine Meinung für falsch halten und trotzdem anerkennen, dass er ein Recht darauf hat, sie zu vertreten. Ich kann mich mit ihm nicht einigen und trotzdem mit ihm am selben Tisch sitzen. Wir müssen nicht gemeinsam in den Sonnenuntergang reiten und wir müssen auch keine besten Freunde werden. Aber wir müssen die Welt durch unser Verhalten auch nicht schlechter machen.
Stellt euch einmal vor, wir würden in einer Kommune leben. Nicht zwingend in einer Kommune mit selbst angebautem Gemüse, Gemeinschaftsküche und einem Menschen, der jeden Morgen Klangschalen anschlägt. Ich meine eine Gemeinschaft im eigentlichen Sinne: Menschen leben zusammen. Sie teilen Räume, Straßen, Ressourcen und einen Alltag. Sie haben unterschiedliche Vorstellungen davon, wie das Leben aussehen sollte. Einer glaubt an Gott, einer nicht. Eine hält die Schulmedizin für unverzichtbar, eine andere beschäftigt sich mit Naturheilkunde. Einer wählt links, einer rechts. Eine möchte alles hinterfragen, der andere möchte einfach seine Ruhe.
Und jetzt? Müssen wir deshalb alle auseinanderziehen? Müssen wir den anderen bekehren, bis er endlich so denkt wie wir? Oder könnten wir uns darauf einigen, dass wir nicht bei allem einer Meinung sein müssen, um vernünftig miteinander auszukommen? Eine Gesellschaft, in der nur Menschen mit derselben Weltanschauung zusammenleben können, wäre keine besonders freie Gesellschaft. Sie wäre eine Ansammlung voneinander abgeschotteter Weltbilder. Und irgendwann hätten wir zwar unsere Ruhe, aber niemanden mehr, der uns widerspricht. Das wäre vielleicht angenehm. Gut für unsere Entwicklung wäre es aber nicht.
Nicht jeder Mensch, der an etwas festhält, tut das, weil er dumm ist. Nicht jeder, der eine unbequeme Information ablehnt, ist gekauft. Nicht jeder, der einer offiziellen Erklärung vertraut, ist ein Schlafschaf. Und nicht jeder, der sie infrage stellt, hat automatisch etwas erkannt, das alle anderen übersehen. Manchmal hängt an einer Überzeugung viel mehr als nur eine Meinung. Vielleicht hängt daran das Vertrauen in die eigene Familie. In die Ärzte, denen man sein Leben anvertraut hat. In die Menschen, die man liebt. In Entscheidungen, die man selbst getroffen hat. In ein ganzes Leben, das auf bestimmten Annahmen aufgebaut ist. Wenn dann jemand kommt und sagt, dass alles falsch war, dann ist das nicht einfach nur eine neue Information. Es kann sich anfühlen, als würde jemand den Boden unter den Füßen wegziehen. Und was machen Menschen, wenn ihnen der Boden weggezogen wird? Manche werden neugierig. Andere werden wütend. Wieder andere machen die Tür zu. Das ist nicht besonders überraschend.
Ich kann nicht erwarten, dass jemand innerhalb von fünf Minuten sein gesamtes Weltbild über Bord wirft, nur weil ich ihm ein Video zeige, das mich selbst überzeugt hat. Und ich kann auch nicht erwarten, dass ein Mensch sich mir öffnet, wenn ich ihm gleichzeitig zu verstehen gebe, dass ich ihn für einen Idioten halte. Vielleicht braucht er Zeit. Vielleicht braucht er andere Informationen. Vielleicht wird er seine Meinung niemals ändern. Das muss ich aushalten können. Genauso wie andere aushalten müssen, dass ich meine Meinung nicht einfach ändere, nur weil sie es gerne hätten und mir dumme Nachrichten schicken. Verständigung bedeutet nicht, dass am Ende alle dasselbe glauben. Sie bedeutet, dass wir versuchen, einander zu verstehen, ohne den anderen vorher entmündigen zu müssen.
Ich mag Kritik. Wenn sie gut ist, ist sie gleich viel wert wie ein Lob – weil sie etwas in mir bewegt. Und wenn es nur das Abklopfen dessen ist, was ich gesagt oder geschrieben habe. Aber dumpfes Disliken ist halt einfach nur dumpf.
Ich kann nicht mehr zurück. Aber ich muss auch nicht weiterkämpfen. Ich habe Dinge hinterfragt. Ich habe mich mit Themen beschäftigt, die ich vorher nicht auf dem Schirm hatte. Ich habe meine Ansichten verändert, alte Gewissheiten verloren und vielleicht auch festgestellt, dass manche Menschen, mit denen ich jahrelang gut zurechtkam, mir plötzlich sehr weit weg erscheinen. Das kann einsam machen. Besonders dann, wenn ich mich nicht einfach wieder in meinen alten Alltag setzen und so tun kann, als wäre nichts gewesen. Aber vielleicht besteht meine Aufgabe auch gar nicht darin, zurückzukehren.
Vielleicht geht es darum, einen neuen Umgang mit der Welt zu finden. Einen, in dem ich meine Fragen behalten darf, ohne mich von ihnen auffressen zu lassen. In dem ich kritisch sein kann, ohne überall einen Feind zu vermuten. In dem ich mich mit Menschen austausche, ohne jeden Austausch als Kampf um die Wahrheit zu betrachten.
Ich muss nicht jedes Gespräch führen. Ich muss nicht jede Behauptung widerlegen. Ich muss nicht jeden Menschen überzeugen. Und ich muss auch nicht jede Ungerechtigkeit dieser Welt persönlich auf meinen Schultern tragen.
Es gibt Dinge, auf die ich Einfluss habe. Und es gibt Dinge, auf die ich keinen Einfluss habe.
Das klingt nach einer dieser abgedroschenen Weisheiten, die man auf Teebeutelanhängern findet. Trotzdem wird sie nicht falsch, nur weil sie schon auf tausend Teebeuteln steht.
Ich kann entscheiden, womit ich mich beschäftige. Mit wem ich meine Zeit verbringe. Welche Gespräche ich führe. Wo ich widerspreche. Wo ich zuhöre. Und wann ich einfach sage: Heute nicht.
Ich kann mich um meinen eigenen Garten kümmern, ohne deshalb die Welt draußen zu vergessen. Und ich kann anderen Menschen ihre Sicht der Dinge lassen, ohne sie zu meiner eigenen machen zu müssen. Vielleicht ist das keine Kapitulation. Vielleicht ist es eine Form von Freiheit.
Während wir uns gegenseitig erklären, wer auf der falschen Seite steht, verschwinden unsere gemeinsamen Probleme nicht. Das ist genau der Punkt, den man nicht vergessen sollte.
Wir müssen mit einer sich verändernden Welt umgehen. Mit wirtschaftlichen Unsicherheiten, gesellschaftlichen Spannungen, Umweltproblemen und politischen Entscheidungen, die unseren Alltag beeinflussen. Wir müssen herausfinden, wie wir künftig leben wollen und welche Art von Gesellschaft wir unseren Kindern hinterlassen. Dafür brauchen wir keine Einheitsmeinung. Wir brauchen Menschen, die unterschiedliche Perspektiven einbringen können. Menschen, die widersprechen dürfen. Menschen, die Fragen stellen. Menschen, die Fehler zugeben können. Und Menschen, die trotz aller Unterschiede bereit sind, miteinander an Lösungen zu arbeiten.
Wenn wir das nicht schaffen, wird es schwierig.
Ich möchte Menschen begegnen können, ohne vorher ihre politische Haltung, ihre Informationsquellen oder ihre Weltanschauung überprüfen zu müssen. Ich möchte lachen können, auch mit Menschen, mit denen ich mich am nächsten Tag über etwas streiten werde.
Du musst deine Meinung nicht ändern. Du musst mir nicht zustimmen. Du musst diesen Text nicht einmal mögen. Aber vielleicht lohnt es sich, für einen Moment nicht darüber nachzudenken, was die anderen falsch machen.
Vielleicht ist die entscheidende Frage nicht, auf welcher Seite wir stehen. Sondern was aus uns wird, wenn wir glauben, auf der einzig richtigen zu stehen.




Mega 👊
Das Bild ... I love it. Der Ventilator 😂😂😂😂😂😂
Du bist cool. Wie deine Inhalte. Und du schreibst super.
Danke für die paar Minuten Aufhellung.
Chris Tina
Du schreibst mega. Der hier ist mein Liebling.
Cool!!!
Ich liebe diesen Text. Vor allen Dingen die Line 🥰❗️